Das kleine Punkrock-Triple: (Vor-)Weihnachtsspezial mit Indian, Calvaiire und Dead in the Dirt

Ihr sucht schon seit Wochen verzweifelt nach dem perfekten Soundtrack für die besinnlichen Stunden mit euren Lieben unterm Weihnachtsbaum? Na Gott sei Dank habt ihr den Weg zu uns gefunden, denn ab jetzt heißt es: Zurücklehnen! Alles, aber auch wirklich alles, was für die kommenden Tage musikalisch wichtig ist, findet sich ja jetzt hier und hier. Die Marschrichtung sollte klar sein, besinnlich kann schließlich jeder.

INDIAN – Rhetoric of No (Track)

Für die erste wohlige Überraschung unterm Weihnachtsbaum sorgen INDIAN aus Chicago, die mit Rhetoric of No mal eben so mit das fieseste Stück Musik rausgehauen haben, dass mir seit langer Zeit untergekommen ist. Wie schon auf den famosen Vorgängern verstehen sich Indian ganz hervorragend darin, kalten Entzug (als frischer Nichtraucher müssen solche Vergleiche erlaubt sein!) in Noten zu übersetzen. Das hier ist vertonte Hoffnungslosigkeit, zäh und schleppend, in einer für mich ziemlich perfekten Mischung aus Sludge, Doom und Black Metal (was auch sonst beim Stichwort Entzug?). Unbedingt den Januar für das dann erscheinende Full-Length „From All Purity“ vormerken!

 

 

 

Calvaiire – Forceps

Wer es weniger schleppend aber nicht minder brutal mag, greife zu Calvaiire aus Frankreich. Ganz wunderbar treffsicher prügeln sich hier unter anderen Mitglieder von Birds in Row in Richtung nicht mehr ganz frischer Converge und relativ früher Dillinger Escape Plan. Zumindest so ungefähr. Feinster Noise ist das, ganz vortrefflich roh und direkt aufgenommen. Da hatte jemand richtig schön schlechte Laune und lässt uns daran teilhaben. Perfekt für den nächsten Heimweg nachdem man sich doch noch hat überreden lassen, das Dutzend an Glühwein voll zu machen.



 

Dead in the Dirt – The Blind Hole

Wer bisher noch nicht überzeugt ist (wait...what?!), dem seien zu guter Letzt Dead in the Dirt, meine heimliche Gute-Laune-Band des Jahres, empfohlen. Puristen mögen aufschreien, denn gute Laune im eigentlichen Sinne ist hier in der Tat recht rar. In Wirklichkeit walzt, prügelt und wütet „The Blind Hole“ natürlich ganz gehörig - textlich wie musikalisch, 22 Songs lang, in etwas mehr als 23 Minuten. Irgendwo im weiten Feld des Grindcore beheimatet, finden die drei Jungs aber eine derart wunderbar spannende und kurzweilige Mischung, dass es mir seit Wochen die reinste Freude ist! Wer, wie ich, mit aller größter Wahrscheinlichkeit am 24. nochmal vor die Tür muss, um im Zweifelsfall an irgendeinem Wühltisch um letzte Geschenke zu kämpfen, der vergesse nicht diese Platte! Laut und in Dauerrotation über die Kopfhörer. Ihr werdet sehen, so entspannt habt ihr noch nie Weihnachtsbesorgungen erledigt...

Kommt gut rüber, ihr Lieben!

Das kleine Punkrock-Triple: Australien Spezial mit Robotosaurus, Night Hag und Foxes

Ach ja, Australien. Land der giftigen Tiere und scheinbar noch giftigeren Bands. Zumindest wenn man sich in den richtigen Kreisen umsieht. Es ist in erster Linie den famosen Fucking Teeth geschuldet, dass ich dann doch mal wieder etwas tiefer in mein Regal gegriffen und nach weiteren australischen Landsmännern gesucht habe. Richtig gelesen, die Veröffentlichungen sind teilweise schon etwas älter, aber so gut, dass man auf Aktualität an dieser Stelle gern einmal verzichten kann und sollte. Musik, Zeitlosigkeit, ihr wisst Bescheid.

Robotosaurus

Beginnen wir also gleich mit der Band, die sich mit Single Mothers und ██████ um den besten Bandnamen (eveeer!) streitet. Über das geschmackssichere Video zu Double Edged Sword bin ich damals auf Robotosaurus aufmerksam geworden und war sofort angefixt von dieser äußerst feinen Mischung aus knackig auf den Punkt geprügelter Instrumentierung und pissig-verzweifeltem Geschrei. Waren sie zuvor durchaus noch technischer und flotter und später weitaus ausladender unterwegs (für ihre Verhältnisse, versteht sich), haben sie aus meiner Sicht auf dem 2009 erschienenen „Manhater“ die perfekte Balance gefunden: Das Album ist brutal, schnell, schlägt seine Haken, beweist aber auch gleichzeitig ein Händchen dafür, im richtigen Moment einen Gang runter zu schalten und der nicht zu überhörenden Bedrohlichkeit den passenden Raum zu geben. Die Stimme schmerzt in den Ohren und ist intensiv, während der Albumtitel die Marschrichtung für die Texte vorgibt und durchaus als Grundbaustein dieser Band verstanden werden kann. Rotzig, wütend, mitreißend. So muss das!

 


Night Hag

Während ihre letzte 7“ aus 2012 deutlicher Richtung Hardcore zeigte und ihre Sache durchaus gut bis hervorragend machte, komme ich bis heute in erster Linie kaum von der ein Jahr zuvor veröffentlichten „Gilded Age“ los. Hardcore und Black Metal mischen inzwischen viele, derart wunderbar punkig und dreckig habe ich diese Kombination allerdings selten gehört. In seiner knappen halben Stunde Laufzeit überfährt einen die Platte regelrecht mit seinem fies rauen Sound, dem irre schnellen Schlagzeug und dem kaum zu bändigen Gekeife. Und während das alles parallel auf einen eindrischt, fräsen sich auch noch die gröbsten Melodien unweigerlich ins Gedächtnis. Wieder Adelaide, wieder ganz großes Kino. Irgendwas ist da in dieser Küstenstadt. Etwas, das die Leute zu dunkel verstörenden Großtaten wie diesen beiden ermuntert. Bleibt nur die Frage, ob man wirklich herausfinden will, was es ist. 

 


Foxes

Kommen wir zum dritten entdeckungswerten Act in diesem kleinen Punkrock-Triple Spezial. Nicht weniger furios, aber musikalisch dann doch eine ganze Ecke mehr Screamo als die beiden genannten Nachbarn, begegnen einem Foxes auf ihrer 5-Song EP zwar auch harsch, aber eben auch weitaus melodiöser. In diesem Sommer spielte die Band aus Perth Konzerte mit Pianos Become the Teeth und La Dispute und das passt inzwischen besser denn je: Gesang und Text sind ähnlich dramatisch und emotional in Szene gesetzt und auch musikalisch öffnen sich Foxes inzwischen mehr für Zwischentöne und Experimente. Bestes Beispiel hierfür ist die 2012er Split mit den ebenfalls tollen Iselia. Vom ausladenden instrumentalen Intro zum 13 minütigen verspielten Abschluss Withered Eyes Through a Fractured Pane holen die Australier weit aus und sollten jedem mit einem Herz für emotionalen Hardcore einen Hördurchgang wert sein. Lohnt sich!

Das kleine Punkrock-Triple II: lovechild, ATELO/phobia und Full of Hell

lovechild – demonstration


Heißt ja nicht für umsonst Punkrock-Triple hier: lovechild beginnen ihre frisch zugänglich gemachte 3-Song-Sammlung furios, indem sie sich nach kurzem Intro-Geplenkel gekonnt nach vorne prügeln. Die Stimmen stolpern durcheinander, die Gitarren schreddern um die Wette und der Schlagzeuger haut heute ganz besonders fest zu. Alles gut also bei den Jungs aus Boston, die aus den tollen und viel zu früh aufgelösten Cerce hervorgingen. Das Ende bedeutete in erster Linie den Ausstieg von Becca Cadalzo, die zuvor der Band ihre Stimme lieh. Und so wunderbar kurzweilig nun die Songs bei den verbliebenen lovechild auch geworden sind, so kommt man doch nicht umher, den Weggang der charismatischen Frontfrau zu bedauern. Höchst emotional, ausdrucksstark und stets an der Grenze zum Ertragbaren (man denke in etwa Richtung Battle of Mice) gab sie der Musik dieses gewisse etwas, dass die Amerikaner aus dem großen Wust an Hardcore-Veröffentlichungen hervor hob. Ein bereits aufgenommenes Album wird von Cerce noch kommen, bis dahin heißt es sich mit den alten Sachen oder eben jetzt mit lovechild bei Laune zu halten. Sollte klappen.

 

ATELO/phobia - Demo

Weiter geht es mit den überaus vielversprechenden Franzosen ATELO/phobia. Außer zwei Demosongs gibt es noch nicht viel zu hören von den Jungs, aber was dem geneigten Hörer hier geboten wird, ist schon große Klasse. Irgendwo zwischen kaputtem Screamo mit Tremolo-Schlagzeug und Weltuntergangsästhetik (mit feinem melodischen Anstrich) leiden sich ATELO/phobia ganz hervorragend durch ihre selbstzerstörerischen Songs, die Ende des Jahres auf einer ersten 7“ ein festes Zuhause finden sollen. Wird super, versprochen.

 

 

 

 

Full of Hell – Rudiments of Mutilation

 „The Dichotomy of All That Is Lush and Rotten/ Tincture of Lament/ Burden of Empathy/

We Weep in Guilt/ Thy Coven, Denied/ Thy Vessel, Deserted“

 …noch Fragen? Denn genau so klingt auch das neue Album der Band, die bereits in ihrer Namenswahl kaum Raum für Interpretationen lässt. Full of Hell, in Szenekreisen bereits seit dem Debüt hoch gehandelt, scheren sich um nichts und niemanden und genau das macht die Sache so wunderbar. „Rudiments of Mutilation“ prügelt, keift und rotzt sich ganz vorzüglich durch durchweg aufregende 24 Minuten und erinnert mich in seiner schonungslosen Art in erster Linie an die persönlichen Lieblinge von Young and in the Way. Während letztgenannte sich auf ihren jüngsten Veröffentlichungen immer mehr gen reinrassigen Black Metal bewegen, halten Full of Hell immer wieder inne, verlangsamen ihren crustigen Rundumschlag und nehmen sich die Zeit für sich langsam dahin schleppende (und oft fies fiepende) Sludge-Passagen, nur um dann im Anschluss eben noch gemeiner zuzuschlagen. Stimmlich variiert das Album zwischen Keif-Attacken, dunklem Grollen und verstörendem Geflüster. Man kann es erahnen, leichte Kost ist das nicht. Es schmerzt sogar ganz gehörig und zwar auf jene Art und Weise, bei der mir das Herz aufgeht, so merkwürdig das auch klingen mag. Wer vor extremer Musik nicht zurückschreckt und mehr als nur den schnellen harten Kopfnicker für zwischendruch sucht, der ist hier genau richtig.

 

Das kleine Punkrock-Triple: Yards, Gillian Carter und Barrow

Yards – tba


Manchmal reichen schon knappe anderthalb Minuten, um einem den Tag zu retten. The Rut heißt das erste musikalische Lebenszeichen von Sänger Tom Lacey, welches er nach dem Ende der tollen The Ghost of a Thousand in neuer Bandkonstellation unter dem Namen Yards vertont hat. Ein wunderbar kurzer und herrlich auf den Punkt geprügelter Punkrock-Brocken, der die Vorfreude auf die anstehende EP ins Unermessliche steigen lässt. Wer mit The Ghost of a Thousand oder Artverwandten á la Gallows, Holy oder auch Sarg nur im geringsten etwas anfangen kann, darf sich offiziell mitfreuen.

 

 

 

  

 


Gillian Carter – Lost Ships Sinking With the Sunset


Dog Knights Productions, immer wieder Dog Knights Productions. Was dieses britische Ein-Mann-Label in regelmäßigen Abständen veröffentlicht, ist schlichtweg grandios, wenn man ein Herz für die verschiedenen Spielarten des Screamo hat. Old Soul (Neues Album ist unterwegs! Ich prognostiziere: Wird erneut groß!), We Came Out Like Tigers, Iselia, Foxes, You´ll Live und nun also auch noch Gillian Carter. Die Band aus Florida prügelt und kreischt sich in etwas über 16 Minuten durch ihr erstes Album, hält aber auch immer mal wieder inne, um anschließend mit der so oft bemühten Wall of Sound den geneigten Hörer komplett zu überfahren. Neben Postrock-Passagen bekommen zum Teil auch Akustik-Parts ihren eigenen kleinen Auftritt, was im Album-Kontext ganz vorzüglich funktioniert. Damit sind sie dann in vielen Momenten ganz nah an den bereits erwähnten We Came Out Like Tigers oder auch (den dunkler zu Werke gehenden) Old Soul. Kann also nur toll sein!

 

Barrow - Though I´m Alone


Auch Barrow aus Greensboro bewegen sich im weiten Spannungsfeld aus Screamo und Postrock, gehen zum Teil aber weitaus düsterer zu Werke als ihre Bandnachbarn aus Orlando. Das Dunkle in ihrer Musik wird zu einem Großteil über die Texte getragen. Natürlich reden wir hier immer noch von einer Hardcore Veröffentlichung, vieles der geschrieenen Zeilen bleibt also beim oberflächlichen Hören verborgen. Umso schöner, dass die Band sich die Zeit nimmt das Tempo zu drosseln und in regelmäßigen Abständen durch den Einsatz der gebrochenen Stimme einzelne Textpassagen deutlich werden. Was man hört grenzt in seiner Poesie oft an La Dispute und in seiner Ehrlichkeit und schonungslosen Darstellung der eigenen Gefühlswelt an We Came Out Like Tigers oder auch Thursday. Musikalisch sind Barrow noch tiefer im Postrock verwurzelt (die hellen Gitarren im brachialen Gesamtsound verraten, dass Explosions in the Sky zumindest keine Unbekannten darstellen) als Gillian Carter und wahrscheinlich würde auch eine instrumentale Version ihres Albums wunderbar funktionieren. Kollege Ruffing hat gerade erst voll des Lobes die Wirkung der Musik von Lighthouses beschrieben und für mich lässt sich seine Beschreibung ohne Umwege auch auf „Though I´m Alone“ übertragen: Das Album ist brutal, ohne stumpf zu sein, musikalisch abwechslungsreich, ohne beliebig zu wirken, emotional, ohne weinerlich zu werden und textlich so spannend, dass es mich immer wieder zum Mitlesen der Texte animiert. Ein wahnsinnig tolles Stück Musik also, dass mit Gillian Carter und Yards hier in bester Gesellschaft steht.